BSG Stahl Riesa – BSG Chemie Leipzig 1:0 (0:0)

Ein Spiel zum Vergessen – eine Fahrt die unvergessen bleibt

Wie fange ich den Bericht an? Diese Frage stellte sich mir nach dem Ausflug zur Sachsenliga-Partie der BSG Stahl Riesa gegen die BSG Chemie Leipzig. Die Begegnung der beiden Betriebssportgemeinschaften war in der Saison 1984/85 noch ein Erstligaduell in der DDR-Oberliga. Der Besuch der Neuauflage in der Verbandsliga bedurfte für mich als Exil-Chemiker, einiger logistischer Vorbereitungen. So eine Fahrt von Frankfurt am Main aus ist lang und es gab die eine oder andere Anekdote, die in dem Bericht aufgearbeitet werden sollte.
Bevor ich aber den Bogen zwischen den Fahrtvorbereitungen sowie der Begegnung mit einem ehemaligen Slowakischen Nationalspieler und Profi von Eintracht Frankfurt spanne, komme ich zunächst einmal zum für mich als "Chemiker" unerfreulichen – nämlich dem sportlichen Teil.
Die BSG Chemie kassierte nach einer guten Leistung in der 92. Minute durch einen "Sonntagsschuss" von Steffen Krechlak das 1:0. Zuvor hatten Sven Schlüchtermann (4.), Andy Müller per Kopf (26.) und Manuel Wajer mit einem Lattentreffer (54.) den Riesaer Ersatztorwart Michael Kycek nicht überwinden können. Die Niederlage ist ein herber Rückschlag im Aufstiegsrennen, da man nun auf Patzer der Konkurrenz warten muss.
Nachdem in der letzten Saison noch zirka 900 Chemiker in den gleichen Gästeblock passten, gaben die Riesaer diesmal im Vorfeld der Partie bekannt, dass nur 700 Karten im Vorverkauf zur Verfügung stünden und es für Leipziger Fans keine Tageskasse gibt. Mit einem Telefonanruf sicherte ich mir eine der Karten.
Da zu vermuten war, dass das Kontingent nicht ausreichen könnte, reifte in mir der Plan meinen Platz im wohl überfüllten Gästeblock für jemanden frei zu machen, der beim Kartenverkauf leer ausgehen sollte. Eine E-Mail an Stahl Riesa mit dem Hinweis auf meine Pressearbeit für die 'Frankfurter Neue Presse' und schon hatte ich die Zusage, mich auf die Heimseite stellen zu dürfen.
Nach knapp über drei Stunden Zugfahrt kam ich am Spieltag in Leipzig an. Ein obligatorisches Begrüßungsbier im 'Gleis 8', einer Kneipe im Hauptbahnhof, dann ging es auch schon weiter mit einem Regionalzug nach Riesa.
Auf die "Begleitumstände und die Begleiter" in Zügen mit grösseren Gruppen Fußballfans will ich nicht näher eingehen – nur kurz: Es lief relativ entspannt ab. Selbst als bei der Ankunft in Riesa einige "Dynamos" am Bahnsteig standen, um mit dem gleichen Zug weiter nach Dresden zu fahren, kippte die Stimmung nicht.
Der rund 45 minütige "begleitete" Fußmarsch der rund 400 Zugfahrer, zur erst kürzlich von 'Nudel-Arena' in 'Stahl-Arena' umbenannten Spielstätte, führte durch eine fast ausgestorben wirkende Kleinstadt. Bis auf wackelnde Gardinen und ein paar Fenstergucker waren die Bordsteine Samstagmittag hochgeklappt.
Kurz vor dem Stadion seilten sich mein Begleiter, der diesmal für die Videoaufnahmen zuständig war und ich uns aus dem Konvoi ab, um auf die Heimseite zu gelangen. Der Einlass verlief aufgrund unserer Akkreditierungen problemlos und mit Fischbrötchen und Bier gestärkt suchten wir uns gemeinsam mit den beiden Moderatoren von 'Fünfeck FM', dem Fanradio der Leutzscher, einen Platz gegenüber unseres Fanblocks.
Die Kulisse war mit über 1800 Zuschauern für die Verbandsliga sehr ordentlich. Die Riesaer und die vereinzelten „Dynamos", die nicht mit zum Spiel gegen den SV Wehen Wiesbaden gefahren waren, beließen es bei erstaunten Blicken – außer uns hatten ebenfalls noch einige andere Chemiker einen Weg in den Heimbereich gefunden. Ein in Brandenburg lebender Anhänger des Leipziger Lokalrivalen aus Probstheida ließ sich das Spiel ebenfalls nicht entgehen.
Die Choreo der Leipziger Ultras bestand im Wesentlichen aus einem großen Spruchband mit der Aufschrift: "Es ist jetzt an der Zeit den Aufstieg in Angriff zu nehmen, der Glaube soll nun auf euch übergehen“, und viel grünem Rauch. Dazu wurde eine große Blockfahne mit Vereinslogo präsentiert sowie die beim Treffpunkt als "Überraschung" verteilten Schals hochgehalten. Der Riesaer Stimmungsblock umfasste zirka 35 Leuten, die neben ein paar eigenen Zaunfahnen noch zwei HSV- und ein Lazio-Banner befestigt hatten.
Das Spiel nahm letztlich nicht den erhofften Verlauf und die Stimmung war nach dem Schlusspfiff natürlich im Keller. Der Rückmarsch zum Riesaer Bahnhof sollte sich ebenfalls verzögern und so nutzte ich kurzfristig den freien Platz im Auto der Radiomacher, um mit zurück nach Leipzig zu fahren.
Wieder im 'Gleis 8’, begann mit einem weiteren mittlerweile in Frankfurt lebenden Chemiker die Aufarbeitung des Spiels und setzte sich im ICE fort. Beim Bier erzählten wir uns Anekdoten aus alten Zeiten und wurden nach kurzer Zeit von einem im gegenüberliegenden Abteil sitzenden Alleinreisenden unterbrochen: "Bei welchem Spiel wart ihr?"
Nach dem Hinweis "Sechste Liga – kennst du nicht“, ratterte es bei mir im Hinterkopf. "Du siehst irgend jemandem ähnlich", fragte ich beim zweiten Gesprächsversuch unseres Gegenübers. "Ich bin Peter Németh, Co-Trainer bei Dynamo Dresden", und es machte bei mir klick.
Mit Geschichten über seine Zeit bei Eintracht Frankfurt, seine weiteren Stationen und über seine Heimat Slowakei, verging die Fahrt viel zu schnell. Nachdem auch noch Justin Eilers auf dem Weg nach Bremen – oder besser ein Double mit seinem Trikot durch den Zug lief, kamen wir in Frankfurt an und verabschiedeten uns.

 

(gie)

 

Verbandsliga Sachsen: BSG Stahl Riesa – BSG Chemie Leipzig

Endstand: 1:0 (0:0)

Zuschauer: 1815

Ort: Stahl-Arena / Riesa

Datum: Samstag 23.04.2016